Die Edda ist nicht verfälscht
(The English translation can be found here.)
„Alles, was überliefert ist, wurde von Mönchen aufgeschrieben.“
Den Satz, der direkt über dieser Zeile steht, habe ich schon ein paar Male gehört. Er wird gerne verwendet, um den Inhalt der Edda zu diskreditieren, denn die Tatsache alleine, dass es ein Christ war, der es letzten Endes niedergeschrieben hat, soll ein Beweis sein, dass es korrumpiert und verfälscht sei.
Das ist ein sehr verbreitetes, aber historisch oberflächliches Argument und es sagt mehr über die Denkweise des Sprechers aus als über die Edda-Texte selbst.
Ich möchte daher einen genaueren Blick darauf werfen.
Das Hávamál als moralischer Leitfaden
Das Hávamál ist Teil der sogenannten Lieder-Edda (Codex Regius GKS 2365 4to), die um 1270 niedergeschrieben wurde.
Ja, die Schreiber waren gebildete isländische Kleriker oder Geistliche, denn:
- Nur Geistliche oder Klostergelehrte konnten damals überhaupt schreiben; das gilt für fast alle mittelalterlichen Texte, egal ob christlich, heidnisch oder profan.
- Es handelt sich nicht um eine christliche Nacherzählung, sondern um eine Aufzeichnung heidnischer Dichtung, die bereits mündlich jahrhundertelang überliefert worden war.
Mit anderen Worten:
- Ohne diese Mönche wüssten wir überhaupt nichts von den alten Liedern. Sie haben sie bewahrt, nicht erfunden.
Christliche Schreiber ≠ christlicher Inhalt
Dass ein Schreiber Christ war, bedeutet nicht, dass der Text christlich ist.
Wir finden im Hávamál:
- explizite Bezüge auf Óðinns Selbstopfer am Baum (Strophe 138 ff.),
- Sprüche über Ehre, Schicksal, Runen und Magie,
- Weltanschauung, in der Weisheit und Mäßigung, nicht Gnade oder Sünde, im Zentrum stehen.
Keines dieser Motive ist christlich und viele sind grundlegend heidnisch oder vorchristlich-indogermanisch.
Ein Schreiber kann also neutral überliefern, auch wenn er selbst Christ war.
So wie auch römische Autoren Teile germanischen Kultes aufzeichneten, ohne selbst Germanen zu sein.
Warum das „christlicher Mönch“-Argument schwach ist
Das Argument „christliche Mönche = verfälschter Text“ beruht auf drei falschen Annahmen:
Falsche Annahme 1:
Mönche hätten absichtlich alles heidnische gelöscht.
Tatsächliche Sachlage:
Sie haben gerade die heidnische Dichtung überliefert, die sonst verloren wäre.
Falsche Annahme 2:
Schriftliche Quelle = christlich verzerrt
Tatsächliche Sachlage:
Linguistische und motivgeschichtliche Analysen zeigen, dass Sprache und Themen klar vorchristlich sind.
Falsche Annahme 3:
Heidnische Überlieferung könne nur „rein mündlich“ sein.
Tatsächliche Sachlage:
Viele Kulturen mit mündlicher Tradition haben schriftliche Fixierungen in späteren Jahrhunderten. Das ist normal und kein Makel.
Das Hávamál ist keine christliche Erfindung, sondern eine heidnische Dichtung, die uns durch christliche Hände überliefert wurde.
Die Schreiber waren nicht Feinde der alten Dichtung, sondern ihre Bewahrer.
Kritisches Denken bedeutet hier nicht, den Text zu verwerfen, sondern zu verstehen, wie und warum er uns in dieser Form erhalten blieb.
Gibt es Teile im Hávamál, die eindeutig christlich sind?
Nein, es gibt keine eindeutig christlichen Passagen im Hávamál.
Aber es gibt einige wenige Strophen, die spätere Einflüsse oder Überarbeitungen erkennen lassen könnten, weil sie in ihrer Haltung oder Ausdrucksweise nicht ganz mit den älteren Schichten des Textes übereinstimmen.
1. Textstruktur: Das Hávamál ist kein einheitliches Gedicht
Das Hávamál („Die Rede des Hohen“) ist eine Sammlung verschiedener, ursprünglich unabhängiger Spruchreihen.
Das heißt, die „christlichsten“ Passagen (wenn man so will) finden sich nicht in den religiösen, sondern in den moralischen Teilen und dort selbst nur auf der Oberfläche.
2. Strophen, die manche Forscher als „christlich beeinflusst“ deuteten
Tatsächlich sind es nur eine handvoll Strophen, die in den Verdacht gekommen sind christlich beeinflusst zu sein.
Hier sind die, die ich gefunden habe und Begründungen für die Vermutung:
Strophe 75
Deyr fé, deyja frændr,
deyr sjálfr it sama;
ek veit einn, at aldri deyr:
dómr um dauðan hvern.
„Vieh stirbt, Verwandte sterben,
man selbst stirbt ebenso;
eins weiß ich, das nie stirbt:
das Urteil über jeden Toten.“
Das „Urteil“ (dómr) wird manchmal christlich interpretiert („Jüngstes Gericht“).
Aber im Altnordischen bedeutet dómr einfach Ruhm, Nachrede, Bewertung durch die Lebenden, nicht göttliches Gericht.
Das ist kein christlicher Einfluss, nur moderne Fehlinterpretation.
Strophe 76
… (die gleichen zwei Zeilen wie in Strophe 75);
en orðstírr deyr aldregi,
hveim er sér góðan getr.
„… ;
doch nie stirbt der Nachruhm,
des der sich guten erwirbt.“
Manche sahen hier eine memento mori-ähnliche Haltung, also eine Reflexion über Vergänglichkeit, wie sie im Christentum betont wird.
Aber diese Haltung ist indogermanisch uralt (vgl. altindische und homerische Parallelen) und kein exklusiv christliches Motiv.
Strophen 128-130 (Loddfáfnismál)
Dort heißt es sinngemäß:
„Erhebe dich nicht über andere, auch wenn du weiser bist; ... niemand ist so gut, dass er keinen Fehler hat.“
Diese Demutsidee erinnert oberflächlich an christliche Moral.
Aber solche Spruchweisheiten sind allgemein moralisch, nicht religiös motiviert. Sie passen in die germanische Ethik der hóf (Mäßigung) und vit (Weisheit).
Strophen 135-137
Hier rät Óðinn zur Milde und Besonnenheit, Themen, die in beiden Welten (heidnisch und christlich) vorkommen können.
Es gibt aber keinen Hinweis auf göttliche Barmherzigkeit, Sünde, Erlösung oder göttliche Gnade. Also keine christliche Theologie.
Die wirklich religiösen Passagen (Runenlied, Óðinns Opfer) sind 100 % heidnisch
Strophen 138-164: Óðinn hängt neun Nächte am Weltenbaum, opfert sich sich selbst, um Runenweisheit zu erlangen.
Das ist eine vollkommen heidnische Initiationsmythologie:
- Óðinns Opfer an sich selbst ist kein christliches Kreuzesopfer; es gibt keine Sündenvergebung, sondern Selbsterkenntnis und magisches Wissen.
- Die Runen sind ein Instrument göttlicher Macht, nicht göttlicher Erlösung.
- Kein mittelalterlicher Christ hätte so etwas erfunden oder in dieser Form stehen lassen, wenn er den Text „umchristlichen“ wollte.
Das Hávamál ist kein christlicher Text, sondern ein heidnisches Spruchgedicht, das nur von Christen niedergeschrieben, nicht inhaltlich christianisiert wurde.
Wenn man etwas „später“ nennen will, dann nur einzelne moralische Sentenzen, nicht aber den religiösen Kern.
Der Gedanke, der Text sei verfälscht, ist unhaltbar. Er ist im Gegenteil das authentischste Zeugnis nordischer Weisheitslehre, das wir besitzen.
Gibt es Teile in der eddischen Dichtung mit erkennbarem christlichen Einfluss?
Es gibt in der eddischen Dichtung Stellen, die möglicherweise schwache christliche Einflüsse in der Ausdrucksweise aufweisen, aber die Grundsubstanz ist klar heidnisch.
Zur Textüberlieferung:
Der Codex Regius GKS 2365 4to (ca. 1270) ist eine christlich-zeitgenössische Kopie heidnischer Dichtung.
Die Lieder selbst stammen aus dem 9.-11. Jahrhundert und sind teils noch älter (6.-8.Jh.).
Die Schreiber waren gebildete Kleriker, aber sie überlieferten das Material meist getreu, ohne theologischen Umbau.
Christliche „Einflüsse“ kommen, wenn überhaupt, vor allem durch den historischen Kontext und spätere redaktionelle Übergänge, nicht durch Umdichtung.
Grundsätzlich heidnische Substanz
Insgesamt sind Weltbild, Kosmologie und Ethik der älteren Edda klar vorchristlich:
Kosmos: Drei Ebenen (Ebene der Asen, der Menschen und „Unterwelt“), dazu neun „Welten“, kein Himmel/Hölle-Dualismus
Götterbild: Anthropomorph (menschengestaltig), aber moralisch über menschlichen Vorstellungen stehend
Schöpfung: Aus Leichnam des Urjöten Ymir, nicht durch göttliches Wort
Eschatologie: Ragnarök - zyklische Wiederkehr, kein Endgericht
Ethik: Ehre, Ruhm, Maßhalten, Schicksal (wyrd/ørlog), keine Sünde oder Erlösung
Der Codex Regius enthält heidnische Dichtung in christlicher Abschrift, nicht christliche Dichtung in heidnischem Gewand.
Die Form (Pergament, Schrift, Sprache) ist christlich-mittelalterlich.
Die Substanz (Mythos, Ethos, Kosmologie) ist heidnisch und trägt Züge einer indogermanischen Tiefenschicht.
Nur die Völuspá zeigt sprachlich oder symbolisch leichte Überschneidungen mit biblischer Eschatologie (Konzept des Endzeitlichen), ohne ihre heidnische Identität zu verlieren.
Hier könnte der Artikel bereits zu Ende sein.
Aber ich möchte in die Geschichte gehen, um folgende Frage zu klären:
Warum ist das so?
Mancher wird sich jetzt fragen, warum die eddische Dichtung in Island so außergewöhnlich gut erhalten blieb, während andere nord- oder mitteleuropäische heidnische Traditionen fast völlig verschwanden.
Kurz gesagt unterschieden sich die isländischen Geistlichen in entscheidenden Punkten vom kontinentaleuropäischen Klerus.
Sie standen sozial, kulturell und mental in einer Sonderstellung, die es ihnen erlaubte, altheidnische Dichtung weitgehend unverfälscht niederzuschreiben.
Was an Island anders war
1. Prozess der Christianisierung
Die Christianisierung Islands im Jahr 999/1000 n. Chr. war einzigartig friedlich:
Sie wurde durch einen Beschluss des Althingi (Volksversammlung) eingeführt, zwar unter Druck des norwegischen Königs, aber nicht direkt durch Krieg oder Zwang.
Alte Bräuche durften zunächst weiter privat ausgeübt werden (z. B. Opfer, Kindesaussetzung, Götterverehrung in kleinerem Rahmen). Die Bräuche wurden später zwar verboten; für die alte Dichtung ist ein vergleichbarer Versuch der Unterdrückung nicht belegt.
Viele alte Familienblutlinien blieben sozial dominant und stellten später Priester und Gelehrte.
2. Kulturell-Soziale Prägung der Geistlichen: christlich Geistliche, aber trotzdem keine Zerstörer von heidnischer Kultur
Man kann durchaus sagen, dass die frühen isländischen Christen keine fanatischen Missionare waren, sondern Pragmatiker, die das Heidentum kulturell respektierten.
In Kontinentaleuropa (z. B. Sachsen, Bayern, Britannien) war die Kirche missionarisch und institutionell zentralisiert.
Heidnische Bräuche galten als Teufelsdienst und alte Lieder und Mythen wurden verboten oder vernichtet.
In Island dagegen stammten die Geistlichen aus denselben Familien wie die Skaldendichter, die diese Lieder ursprünglich formulierten und tradierten.
Der alte Adel (goðar) wurde nicht entmachtet, sondern in das kirchliche System integriert.
Das ist eine soziale Kontinuität im Christentum und kein Kulturbruch mit dem Heidentum.
Bildung (Lesen, Schreiben, Latein) blieb in den Händen der alten Adelssippen.
Viele Priester oder Schreiber waren Nachfahren von Heiden, die selbst noch die alten Familienüberlieferungen kannten.
So wurde die alte Dichtung nicht als Feind, sondern als kulturelles Erbe gesehen.
3. Geografische Distanz und Geistliche Ausrichtung: Christlich und katholisch, aber nicht „römisch“
Der isländische Klerus war organisatorisch nur schwach an Rom gebunden, denn das Land war und ist weit entfernt.
Bischöfe (in Skálholt und Hólar) hatten lokale Autorität, aber wenig Einfluss aus dem Ausland.
Klöster waren klein und oft von Adelsfamilien geführt, nicht von strengen Orden (wie z. B. Benediktinern oder Zisterziensern).
Durch die geographische Abgeschiedenheit fehlte Rom die Macht, den kulturellen Ausdruck zu zensieren. Das führte zu einer nordischen Scholastik eigener Prägung, in der man Mythen wie antike Literatur behandelte.
Dadurch herrschte ein relativ freier Geist, in dem Gelehrte die alte Dichtung antiquarisch, literarisch und identitätsstiftend pflegen konnten.
Sie verstanden sich als Bewahrer der Vergangenheit, nicht als Missionare.
4. Beispielhafte Personen
Sæmundr fróði Sigfússon (1056-1133)
Priester, Gelehrter, gilt traditionell (wenn auch wohl mythisch) als Sammler der Edda-Lieder.
Studierte in Frankreich und verband, nach seiner Rückkehr nach Island, christliche Gelehrsamkeit mit heidnischem Bildungsgut.
Snorri Sturluson (1179-1241)
Kein christlicher Priester, sondern Häuptling (goði), Gesetzessprecher (lögsögumaðr), Politiker, Diplomat und Dichter.
Als Dichter war er Bewahrer der alten Götterdichtung, allerdings erkennt man in den von ihm selbst erstellten Schriften deutlich seine christliche Bildung, jedoch nicht in der von ihm zitierten alten (eddischen) Dichtung.
Er schreibt in der Prosa-Edda, dass er die Mythen erkläre, „damit man alte Dichtung verstehen könne“ und nicht um sie zu bekämpfen.
Seine Haltung ist klar ethnographisch-antiquarisch, nicht christlich-moralisch.
Das ist weltweit fast einzigartig: ein Priesteradel, der das Heidentum als Literatur und Geschichte des eigenen Volkes pflegt.
Autoren wie Snorri sahen sich als Bewahrer nationaler Identität.
Das Studium alter Mythen diente dem Verständnis der eigenen Sprache, Dichtung und Geschichte und nicht der Bekehrung.
5. Bildungstradition und kulturelle Kontinuität
In Island überlappten heidnische mündliche Dichtung und christliche Schriftkultur zeitlich.
Der Übergang war organisch, nicht abrupt.
Die Skaldendichtung blieb noch bis ins 13. Jh. lebendig und viele Skaldengedichte preisen heidnische Götter in metaphorischer Sprache (kenningar), ohne Zensur.
Auch der mythische Wortschatz blieb bestehen und selbst in christlichen Kontexten wurden Götterbilder als dichterische Metaphern weiterverwendet.
Auch blieb das Altisländische die Schriftsprache und man empfand keine Scham, über die eigene heidnische Vergangenheit zu schreiben.
Die isländischen Gebildeten waren keine Feinde der alten Dichtung, sondern ihre letzten Hüter und waren in dieser Hinsicht kulturell einzigartig. Sie verbanden christliche Bildung mit heidnischer Erinnerung.
Ihre soziale Verwurzelung in heidnischen Familien, die relative Unabhängigkeit von Rom und der friedliche Religionswandel schufen eine einmalige kulturelle Situation.
Dadurch konnten sie das heidnische Erbe ethnographisch, literarisch und respektvoll bewahren.
Historisch lässt sich klar begründen, dass die eddische Dichtung nur in Island die Chance hatte, in ihrer archaischen Form, mit heidnischer Symbolik und altnordischer Metrik, bis ins Mittelalter mündlich bewahrt und schließlich schriftlich festgehalten zu werden. Die Gründe liegen in einer einzigartigen Kombination politischer, sozialer und kultureller Faktoren, die im restlichen Norden nicht gegeben waren.
Island war eine freie Häuptlingsgesellschaft ohne König, der das Christentum gewaltsam hätte durchsetzen können.
Das Althing nahm das Christentum 999/1000 politisch an, ohne direkte Gewalt, ohne Zwangsbekehrung, ohne kirchliche Säuberungen.
Deshalb konnten alte Traditionen weiter bestehen, weil niemand sie unterdrückte.
Island war das einzige Land, in dem die spätere schriftkundige Elite dieselbe war wie die Träger der alten mündlichen Dichtung.
Die skaldische und eddische Poesie wurde beruflich gepflegt. Nicht als Volksdichtung, sondern als elitär behütetes Kulturgut.
Mündliche konservative Bewahrung von festen, metrischen Formeln (fornyrðislag, ljóðaháttr) erschwerte eine Veränderung.
Nur in Island, dank fehlender Königsherrschaft, moderater Christianisierung, konservativer mündlicher Dichtungstradition, früher Schriftlichkeit und kultureller Isolation, konnten die eddischen Lieder nahezu unverfälscht aus der vorchristlichen Zeit bis zur Niederschrift im Mittelalter überleben.
Kommen wir nun dazu wie das Thema in der Forschungsgeschichte behandelt wurde
Die Frage nach christlichen Einflüssen in der eddischen Dichtung ist eines der ältesten und zugleich umstrittensten Themen der altnordischen Philologie. Es gibt dabei verschiedene Generationen von Forschern, die unterschiedlich stark oder schwach christliche Einflüsse angenommen haben, teils sehr spekulativ, teils extrem vorsichtig.
1. Die „radikalen“ Frühhypothesen (19. Jahrhundert)
Karl Müllenhoff (1818-1884)
Sah germanische Mythen oft durch christlich-mittelalterliche Rezeption verzerrt.
Sophus Bugge (1833-1907)
Er war die Zentralfigur der „norwegischen Schule“.
Behauptete, große Teile der Edda, besonders der Vǫluspá, seien christlich beeinflusst oder sogar christliche Neuschöpfungen, inspiriert durch mittelalterliche Visionenliteratur.
Er sah Parallelen zur Apokalypse des Johannes, zur Sibyllen-Prophetie und zu christlichen Endzeitmotiven.
Seine Thesen gelten heute als überdehnt, aber er war der erste, der sie systematisch ausformulierte.
Moltke Moe (1859-1913)
Er war Schüler Bugges und verstärkte dessen Theorien.
Versuchte alle prophetischen Teile der Edda aus christlichen Quellen zu erklären.
Viktor Rydberg (1828-1895)
Er arbeitet philologisch nicht sauber, aber sehr einflussreich in seiner Zeit.
Versuchte germanische Mythen in ein kohärentes System zu bringen und nahm dabei teils ebenfalls christliche Einflüsse an, allerdings deutlich weniger systematisch als Bugge.
2. Die Reaktion und Gegenbewegung (spätes 19. - frühes 20. Jahrhundert)
Diese Forscher schwächten Bugges These ab, akzeptierten aber an einigen Stellen gewisse Einflüsse.
Finnur Jónsson (1858-1934)
Er stellte sich stark gegen Bugge.
Akzeptierte minimale, aber nur formale christliche Einflüsse (Sprache, Überlieferungsumfeld), nicht christliche Inhalte.
Hugo Gering (1847-1925)
Er sah christliche Einflüsse eher in der Form (z. B. bei der Kompilation) als im Inhalt.
Betonte die heidnische Substanz der Edda.
3. Moderater Konsens des 20. Jahrhunderts
Hier wird oft argumentiert, dass christliche Schreiber unvermeidlich kulturell geprägt waren, aber keine tiefgreifende Christianisierung des Stoffes vorgenommen haben.
Ursula Dronke (1920-2012)
Gelehrte der Vǫluspá und der prophetischen Edda-Stücke.
Sie nahm christliche Einflüsse an, z. B. beim Weltuntergangsmotiv, aber spricht nicht von christlicher Herkunft.
Für sie war es germanischer Mythos in christlich geprägter literarischer Form.
„Einzelne Formulierungen sind angepasst, aber keine inhaltliche Christianisierung.“
Einar Ólafur Sveinsson (1899-1984)
Er sah eine „Oberflächenchristianisierung“, aber heidnische Struktur.
Jan de Vries (1890-1964)
Er betonte die Dichter lebten in einem christlichen Milieu, also flossen kultursprachliche Elemente ein, aber mythologische Inhalte seien genuin germanisch.
„Christlicher Einfluss gering; Dichtung bewahrt heidnischen Weltblick.“
Hilda Ellis Davidson (1914-2006)
Sie sprach manchmal vorsichtig von christlichen Echo-Motiven, besonders bei Endzeit- und Opferdarstellungen, war aber generell vorsichtig.
4. Spätmoderne, stärker skeptische Positionen (spätes 20.-21. Jahrhundert)
Diese Forscher betonen heidnische Integrität der Dichtung und sehen christliche Spuren meist nur als äußere Schreiberumgebung.
Klaus von See (1927-2013)
„Die eddische Welt ist moralisch indifferent, nicht sündenbewusst.“
John Lindow (1946-)
Sieht christliche Elemente ausschließlich als Redaktionsspuren.
Margaret Clunies Ross (1942-)
Betont die literarische Form des 13. Jh., aber die inhaltliche Eigenständigkeit der vorchristlichen Tradition.
Terry Gunnell (1955-)
Sieht die Vǫluspá eher als heidnisches Ritual-Drama denn als eine christliche Prophetie.
„Die Edda überliefert mündliche Performancekultur, nicht dogmatische Religion.“
Preben Meulengracht Sørensen (1935-2001)
Er zeigte, dass Weltbild und Werte der Edda so unchristlich sind, dass starke Christus-Einflüsse unwahrscheinlich sind.
Gro Steinsland (1945-)
„Die Edda stammt aus einer synkretischen Übergangszeit, aber die mythische Struktur ist klar vorchristlich.“
Heute hat sich generell durchgesetzt, dass das Christentum kaum tatsächlichen Einfluss auf den Inhalt der Edda hatte und sie fundamental heidnisch ist.
Stellen mit vermutetem christlichem Einfluss
I. Die Vǫluspá: die am stärksten diskutierte Edda-Dichtung
Sie stand lange als am stärksten diskutiert da, allerdings aus sehr komplexen Gründen.
a. Die Schöpfung aus dem „chaotischen Urzustand“
„ár var alda,
þat er ekki var;
vara sandr né sær
né svalar unnir“
„Es war am Beginn der Welt,
als es noch nichts gab;
es gab weder Sand noch Meer
noch die kalten Wogen.“
- Sophus Bugge sah Parallelen zur Genesis: „die Erde war wüst und leer…“.
Nur Moltke Moe stimmte ihm zu.
- Dagegen stellten De Vries, Lindow und Gunnellfest, dass es sich um ein typisches indogermanisches Chaosmotiv handelt, das auch in iranischen, indischen, griechischen Mythen belegt ist.
- Die Stelle ist klar heidnisch und ohne konkrete christliche Struktur; nur banale Motivähnlichkeit.
b. Die Weltesche Yggdrasill als „Baum des Lebens“?
„ask veit ek standa,
heitinn Yggdrasill“
„Eine Esche weiß ich stehen,
geheißen Yggdrasill.“
- Sophus Bugge und ein paar dänische Forscher seiner Zeit, wollten darin den christlichen „Baum des Lebens“, der in der Genesis 2,9 erwähnt wird, sehen.
- Lindow, Clunies Ross und Rodolf Simek stellten fest dass der Weltenbaum ein proto-indogermanisches Motiv ist und 1000 Jahre älter als das Christentum.
- Weltenbaum ≠ Paradiesbaum.
c. Ragnarök als christliche Apokalypse?
Mehrere Strophen, z. B.
„Sól tér sortna,
sígr fold í mar“
„Die Sonne wird schwarz,
die Erde sinkt ins Meer.“
Der behauptete Bezug: Weltenbrand, Sterne stürzen = Jüngstes Gericht.
Wieder ist Bugge der Hauptvertreter der These; Dronke sprach vorsichtig von einer „evangelikalen Färbung“ und ein paar skandinavische Forscher des frühen 20. Jh. stimmten zu.
Bugge deutet Heimdalls Ruf ins Gjallarhorn als den Posaunenstoß des Erzengels Gabriel.
Gegenpositionen:
Gunnell: Ragnarök = heidnisches Ritualdrama, nicht christlich
Lindow: „Apokalyptik existiert auch in heidnischen Systemen“
De Vries: germanische Weltenbrände sind vorchristlich
Bewertung:
Minimaler Einfluss möglich in der literarischen Form, aber nicht im Inhalt.
Ragnarök ist einzigartig skandinavisch-heidnisch (Götter sterben, Feinde mythisch, Wiederkehr der Erde).
d. Die „erneuerte Erde“ nach Ragnarök
„Sér hon upp koma
öðru sinni
jörð ór ægi“
„Sér hon lifa
loft úrsa dreyra“
„Sie sieht (dass) ein zweites Mal
die Erde
aus dem Meer aufsteigt.“
„Sie sieht leben
die Luft (oder: den Luftraum),
getränkt mit (oder: tropfend vor) Tau aus Blut.“
Bugge und Teile der dänischen Schule sahen darin: Neue Erde = Nova Terra des Christentums; Wiedervereinigung der Gerechten.
Diese Strophen wurden als an eine Art „neuen Himmel und neue Erde“ erinnernd gedeutet (nach Bibelstelle Offb 21).
Gegenpositionen:
- Clunies Ross sagte aus, dass zyklische Welterneuerung germanisch ist und kein lineares Jüngstes Gericht.
- Simek sieht Parallelen zum indoiranischem „Frashokereti“ (endgültige Erneuerung des Universums).
Bewertung: Heidnischer Zyklus, kein christlich-lineares Weltende.
Sie sind urheidnisch, da Zyklus und Wiederkehr altindogermanisch sind (vgl. indische und iranische Weltalterlehre).
e. Der „Höhere Richter“ (inn ríki)
„þar kemr inn ríki
at regindómi“
„Dort kommt der Mächtige
zur Göttergerichtsstätte.“
Bugge deutete „inn ríki“ = Christus beim Weltgericht.
Gegenposition:
- Ursprünglicher Sinn: Baldr, nicht Christus
- Im Kontext ist Baldrs Rückkehr und Urteil über die neuen Geschlechter gemeint.
- Dronke: heidnisch; Redaktion evtl. beeinflusst, aber keine Personengleichheit
- Christliche Deutung unhaltbar. Der Text passt eindeutig zu Baldr.
f. Die Strophe über den „Einen Mächtigen über allem“ (Hárbarðsljóð-Echo)
„Hitt ek þar einn
er yfir öllu ræðr“
„Dort treffe ich einen,
der über alles herrscht.“
Bugge und einige skandinavische Forscher (1900-1930) deuten diese Stelle als Einheitsgott = Monotheismus.
Die Lesart ist textkritisch unsicher.
„einn“ bedeutet oft nur „ein hervorragender“ (wahrscheinlich Baldr), kein Monotheismus.
Lindow: „Missverständnis des altnordischen Superlativgebrauchs“
Bewertung: Fehldeutung; kein Monotheismus.
g. Die goldenen Tafeln
„Þar munu eftir
undrsamligar
gullnar töflur
í grasi finnast…“
„Dort werden wieder
wundersame
goldene Tafeln
im Gras gefunden werden …“
Sophus Bugge und andere Vertreter der „norwegischen Schule“ glaubten, die „erneuerten Tafeln“ seien ein Echo der Offenbarung des Johannes, wo ebenfalls eine erneuerte Welt und göttliche Ordnung beschrieben werden.
Die modernen altnordistischen und indogermanischen Vergleiche zeigen eindeutig, dass das Motiv indogermanisch ist und nicht genuin christlich.
Die Vorstellung von heiligen, goldenen Tafeln oder Losstücken, die den Göttern gehören und nach einer kosmischen Katastrophe erneut gefunden werden, ist breit indogermanisch belegt. Besonders häufig wird auf iranische Traditionen verwiesen:
- In der iranischen Religion (z. B. im Avesta) gibt es die Vorstellung heiliger Tafeln oder Zeichen, die den Göttern gehören und das xvarənah (göttliche Glanzmacht, Herrschaftsrecht) symbolisieren.
- Dieses xvarənah wird den rechtmäßigen Herrschern übergeben, geht verloren, wird gesucht oder wieder aufgefunden; ein Motiv, das strukturell auffallend nahe an den Strophen der Völuspá steht.
Die „goldenen Tafeln“ der Völuspá sind kein christlicher Einfluss, sondern ein altes indogermanisches Hoheits- und Wissenssymbol, dessen nächste Parallelen im iranischen Bereich liegen. Die ältere christliche Deutung ist heute vollständig verworfen.
Mein Fazit zu den Stellen in der Völuspá:
Die Völuspá ist heidnisch im Grundgerüst, aber vermutlich sprachlich beeinflusst durch die religiöse Ausdrucksweise des 13. Jh., in dem sie niedergeschrieben wurde.
II. Hávamál: angebliche christliche Einflüsse
a. Die Opfer-Selbstaufhängung Óðinns am Baum (Háv 138-141)
„Veit ek at ek hekk
vindga meiði á
nætr allar níu…“
„Ich weiß, dass ich hing,
am windigen Baum,
nächtelang neun…“
Bugge deutet Óðinns Selbstopfer als Parallele zur Kreuzigung Christi. Seine Verletzung durch einen Speer wäre wie der Speerstich Christi.
Gegenpositionen:
- Modern wird es oft als schamanisches Initiationsmotiv gedeutet, unabhängig belegt in Sibirien und germanischem Kontext.
- Óðinn opfert sich sich selbst und das ist theologisch das Gegenteil christlicher Soteriologie (Lehre von der Erlösung aller Menschen).
- Es gibt keine Auferstehung, sondern führt zum Erwerb von Runenwissen.
- Óðinn hängt neun Nächte lang und ist nicht für drei Tage tot.
Das ist als heidnisches Motiv zu bewerten und nicht als christliche Parallele.
b. Die Weisheits- und Ethiklehren
Bugge und ein paar Forscher des 19. Jh. behaupteten hier einen Einfluss der Sprüche Salomos.
Gegenpositionen:
- Sentenzenliteratur existiert weltweit.
- Die Struktur ist un-hebräisch.
- Inhaltlich oft gegen christliche Ethik (z. B. „Traue keinem Freund zu sehr“).
Keine christlichen Belege.
c. Strophe 76-80 über Ruhm und Nachruhm
„Deyr fé,
deyja frændr,
deyr sjálfr it sama;
ek veit einn
at aldrei deyr:
dómr um dauðan hvern.“
„Vieh stirbt,
Verwandte sterben,
man selbst stirbt ebenso;
eines weiß ich,
das niemals stirbt:
das Urteil über jeden Toten.“
Behaupteter Bezug
Manchmal als Randpositionen behauptet, das sei „Eitelkeit der Eitelkeiten“.
Gegenposition: Das ist urgermanisches heroisches Ethos mit griechischen, indischen und iranischen Parallelen.
Mein Fazit zum Hávamál:
Rein heidnisch.
Einzelne Lebensweisheiten könnten moralisch christlich klingen, aber ohne theologische Entsprechung.
Die Runenlehre und Óðinns Opfer sind zu 100 % heidnisch.
III. Vafþrúðnismál und andere Götterdialoge
a. Wissensduell und Schicksalsfragen (Vafþrúðnismál, Grímnismál, Alvíssmál)
Bugge und eine Reihe Theologen des 19. Jh. (z.B. Rudolf Keyser [1803-1864], Carl Paul Caspari [1814-1892], Ernst von Dobschütz [1869-1934]) verglichen sie mit alttestamentlichen Gottesreden, besonders Hiob 38-41.
Gegenposition: Die Duellform ist archaisch indogermanisch (z. B. in der Avesta und im Mahābhārata)
Kein christlicher Einfluss.
b. Baldrs Tod
Dazu habe ich bereits einen ganzen Artikel geschrieben.
IV. Skírnismál, Lokasenna, Þrymskviða
Diese Dichtungen zeigen keinerlei christliche Elemente.
Das ist in der Forschung nahezu Konsens.
V. Zusammenfassende Bewertung der modernen Philologie
a. Welche Edda-Stellen wurden ernsthaft mit Christentum in Verbindung gebracht?
→ Vǫluspá 3, 19, 57-67 (Schöpfung, Weltende, Welterneuerung, Richter)
b. Welche Stellen sehen moderne Forscher als echt mögliche Berührung an?
→ Vǫluspá 65 (Form der Gerichtsmetaphorik - Form, nicht Inhalt)
→ Vǫluspá 57-59 (Apokalyptische Bildsprache - literarische Färbung, nicht theologischer Gehalt)
c. Wo sind christliche Einflüsse nahezu ausgeschlossen?
→ Hávamál 138-141 (Runenopfer)
→ Lokasenna, Þrymskviða, Vafþrúðnismál, Skírnismál (komplett heidnisch)
VI. Der heutige Konsens (sehr knapp und soweit ich ihn zusammengefunden habe)
- Christliche Überlieferungsumgebung: ja
- Einzelne christlich klingende Wörter: möglich
- Christliche Redaktionsschicht: minimal möglich
- Christliche inhaltliche Überformung: nein
- Edda als christliches Werk: völlig ausgeschlossen
Die Edda ist inhaltlich zuverlässig heidnisch, auch wenn sie im 13. Jahrhundert schriftlich fixiert wurde.


